Es ist eine wuchtige Sportart. Alles ist irgendwie größer. Von allem braucht man ganz viel. Kisten, Ballsäcke, Anlagen, Ausrüstung. Der Football-Gott ist ein Goliath, der alles will. Und denkt man schließlich an die Winkelzüge des Playbooks, in dem sämtliche taktische Varianten enthalten sind, wird ein Fußball-Lehrbuch dagegen zum schmalbrüstigen Heftchen. Gegen die Vorbereitungen auf ein Heimspiel der Gießen Golden Dragons im Waldstadion gleicht die Einstimmung auf ein Fußballspiel einem Kindergeburtstag. Wobei wir beim Thema wären: Wie stemmt man ehrenamtlich eine Partie, bei der nicht nur dreimal so viele Spieler wie beim Kicken gebraucht werden, sondern auch noch Cheerleader Pyramiden bauen und Puschel schwingen, eine Hüpfburg organisiert und Hamburger neben Würstchen gebraten werden? Abgesehen davon, dass das Abstreuen des Platzes angesichts der Linienvielfalt auch mal zwei, drei Stunden dauert.

 

Und so beginnt Thorsten Schließner, dem man durchaus den Titel „Gießens Mister Football“ anheften darf, am Spieltag bereits um 8 Uhr in der Frühe mit seinen Helfern zu rödeln. Um 13 Uhr kommen die Spieler, um 14 Uhr die weiteren Helfer, um 15 Uhr die Zuschauer, um 16 Uhr geht‘s los.

Wenn schließlich Schließner seinen Acht-Stunden-Tag beschließen könnte, dann geht‘s mit dem Spiel weiter, bis zum Aufräumen in den späten Abendstunden.

Thorsten Schließner hat viel zu erzählen, wenn es um American Football geht. Und dass er das im Clubraum des MTV 1846 Gießen macht, ist auch nicht selbstverständlich, sondern hat eine lange Vorgeschichte.

Zum größten Gießener Sportverein sind die Akteure mit dem eiförmigen Spielgerät um die Jahrtausendwende gekommen. Um 1999/2000. „Walter Müller war sofort sehr aufgeschlossen“, weiß Schließner über den Ehrenvorsitzenden der Männerturner zu berichten, der immer schon ein Näschen für die großen Zusammenhänge hatte. Die großen Zusammenhänge in diesem Fall: Müller wusste selbstverständlich, dass die Footballer eine ganze Entourage mitbringen würden. Soll heißen, dass in Zeiten schwindender Mitgliederzahlen eine Football-Abteilung durchaus einen Jungbrunnen für altehrwürdige Vereine darstellen kann. Was nicht schwer zu beweisen ist, wenn der 46-Jährige sagt, dass „wir 115 Spielerpässe ausgestellt haben“. 45 für die erste, 70 für die zweite Mannschaft.

Auch die Jugend ist komplett besetzt, U_19, U_16, U_13. „Wir wollen auch noch eine U_10 stellen“, lässt der Football-Enthusiast, der schon 1990 die Langgöns Lightnings mitgründete, verlauten. „Die spielen dann fünf gegen fünf.“ Umtriebig, akribisch und kreativ – das sind wohl die passenden Attribute, die man dem 20- bis 30-köpfigen Helferteam zuschreiben kann. Und Schließner ist glücklicherweise ein ausgleichender Charakter. Mit ihm lassen sich die Probleme lösen, die durchaus auftauchen, wenn es auf dem Kunstrasen am Heegstrauchweg zeitliche Überschneidungen zwischen Football und Fußball gibt. Ein kooperatives Miteinander ist Schließner, dessen Frau Yvonne die „Grande Dame“ der Cheerleader ist, wichtig. Muss auch sein, denn Footballer treten auch im Training zumeist in der Größenordnung einer mittelprächtigen Bisonherde auf.

Da diese ur-amerikanische Sportart nicht im deutschen Mainstream dergestalt verankert ist, dass jedes Kind sie in der Schulturnhalle schon mal versucht hat, „kommen immer wieder welche, die es ausprobieren wollen“, erklärt Schließner das Casting von Spät- oder Zwischeneinsteigern. Das Problem: Im Gegensatz zu anderen Ballsportarten ist es beim Football nicht mit ein paar Turnschuhen und kurzen Hosen getan. Ähnlich wie beim Eishockey ist die Ausrüstung ein gewichtiger Baustein. Deshalb haben die Dragons auch „40 Leihausrüstungen, die haben wir mal angeschafft für solche Fälle, aber nach der fünften, allerspätestens zehnten Einheit sollten sie schon eine eigene kaufen.“

Wobei ein Aspekt des komplexen Footballer-Lebens auf den Gesprächstisch kommt. Eine Anfängerausrüstung kostet 300 bis 400 Euro. Es geht aber auch bis 1000 Euro, wobei für den idealen Helm („Der ist so wichtig wie ein Kinderfahrradhelm, der muss exakt passen und ist bei den Profis individuell ausgepolstert“) alleine schon bis zu 500 Euro zu berappen sind. Und den gibt‘s natürlich nicht beim Supermarkt um die Ecke. „Die nächsten Footballshops sind in Hanau oder Kelkheim“, weiß Thorsten Schließner ­– und von Helmbestellungen im Internet, nach dem Motto 25 Euro, made in China, sei abzuraten. „Deshalb ist es auch wichtig, dass man es sich genau überlegt, ob man dabei bleiben will, ob die körperliche Belastung auch nach drei Monaten noch genau das ist, was man will. Das kann einem schnell zu hart oder umfangreich werden“, warnt Schließner, der sich nicht beklagen kann, zu wenige Footballbegeisterte an den Heegstrauchweg zu locken. Das gilt für die Beteiligung auf dem Field ebenso wie für jene am Rande, womit wir auch schon beim Wechsel der Heimstatt wären, den die Golden Dragons mit ihrer ersten Mannschaft in der (prima) laufenden aktuellen Saison erstmals komplett vollzogen haben.

Mögen die Kapazitäten und Bedingungen auf dem Kunstrasen am Klingelbach für Trainingsbetrieb und die Spiele der Jugend und Zweiten top sein, so stieß Erfolgstrainer Mike Anderl („Ein absoluter Glücksgriff“) mit dem Zweitbundesligisten deutlich an die Grenze. „400, 500 Zuschauer“ seien „noch ganz okay“, weiß Schließner. Dann aber wird es eng rund um den Platz. Und vor allem auch rund um den Parkplatz. „Wir hatten einmal vierstellig am Heegstrauchweg, das war aber nicht zu machen, was Anfahrt, Stellplätze, aber auch das Gedränge um das Spielfeld angeht“, erzählt Schließner, der nicht nur seine unzähligen Helfer („Da sind viele ungeheuer engagiert, die fragen nicht lange, sondern packen an“), sondern auch den Trainerstab explizit gelobt haben möchte. Und auch Stadt und Sportamt, die „uns bei der Übersiedlung ins Waldstadion sehr geholfen haben“. Die Konflikte mit den Fußballern der 1900er, die oft klagten, die Footballer würden den Rasen zerstören, sieht Schließner als „beigelegt, es gab ein konstruktives Gespräch mit Stadt, Sportamt und VfB-Vertretern. Wir wollen ja keinen Platz wegnehmen, sondern ein gutes Miteinander haben. Dann gibt es auch keine Probleme.“

Der 1. Vorsitzende des VfB 1900 Gießen, Harald Wallbott, sieht das ähnlich: „Ich sehe momentan keinen Anhaltspunkt für Kritik und bin da offen für Synergieeffekte. Solange keine Seite darunter leidet oder, noch besser, beide Seiten was davon haben, zum Beispiel eine Aufwertung des Stadions, ist das in Ordnung.“ Jugendleiter Harry Pfeiffer sieht das, nach durchaus anfänglich atmosphärischen Störungen ähnlich: „Es gab da einige Gespräche, auch zur gemeinsamen Vermarktung, wenn beide Seiten davon profitieren, ist es positiv.“

So oder so geht es mit den Golden Dragons aufwärts, was Spieler- und Mannschaftszahl betrifft ebenso wie tabellarisch. Die Dragons sind „in“. Was freilich auch am typisch amerikanischen Event-Charakter liegt, der ein Footballspiel nicht auf den Sport beschränkt, sondern der Show ebenso viel Gewicht einräumt wie ausgeklügeltem Essens- und Getränkekonzept. Das kann man mögen oder nicht. Selbst Football-Fan Schließner lässt da im Gespräch mal ein „leider“ durchklingen, scheint sich einen Spieltag durchaus auch ein wenig abgespeckter vorstellen zu können.

Obwohl die Voraussetzungen rund ums Waldstadion immer besser werden. „Wir haben dank eines Sponsors da einen Container stehen, müssen nicht mehr alles vom MTV zum VfB bringen“, sagt der Abteilungsleiter, der mit viel Schaffenskraft und Ideen den Ball, der ein Ei ist, in Gießens Sportlandschaft verankert hat. Mittlerweile sogar so gut, dass „wir viele Sponsoren für uns gewinnen konnten“.

Die sind angesichts des logistischen Aufwands (übrigens kostet der gute Ball 80 Euro das Stück) auch nötig. Und für den sportlichen Erfolg ebenso. „Sonst hätten wir uns die vier Importspieler nicht leisten können“, beschreibt Schließner, dass es auf diesem Niveau nötig ist, Akteure aus Übersee nach Europa zu locken. „Die kommen aus dem College und wollen die Welt kennenlernen, Erfahrungen sammeln, da zahlen wir den Flug, sie bekommen ein Zimmer, ein Handy, ansonsten bringen sie oft noch Geld mit“, weiß Schließner. Football ist eine mächtige Sportart, die ihre Spuren –­ wer hätte das gedacht – auch in Gießen hinterlässt.

(Gießener Anzeiger - Rüdiger Dittrich/Foto: http://www.giessendragons.de)

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